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24.
Okt.

VILINGO in den Nürnberger Nachrichten

24.10.2008

Bis nachts kreativ: Grafikdesigner Manuel Mederer. Der 27-Jährige schuftet jede Woche 60 Stunden für seinen Traum

 

NÜRNBERG - Alles dreht sich um Arbeit. Wer hat eine Stelle, wer keine? Was wird gefordert? Was Beschäftigte in ihrem Job leisten müssen, unterscheidet sich oft stark von geprägten Vorstellungen und dem Lernstoff in 380 anerkannten Ausbildungsberufen. Die NN haben nachgefragt: Wie sieht Arbeitsalltag heute aus? Zum Beispiel der eines Jungunternehmers.

Der Flugplan hängt an der Wand: Akquise, Angebot, Entwicklung, Präsentation, Druckfreigabe. Noch sitzt Manuel Mederer nicht startbereit auf dem weißen Ledersofa. Es ist neun Uhr morgens. Der späte Dienstschluss gestern hängt dem 27-Jährigen nach, das verraten seine müden Augen.

Layout-LAN-Partys im Wohnzimmer

Mederer und sein Kollege Gabriel Bremer (29) arbeiten in einem Büro im Gründerzentrum in der Kleestraße. Die Absolventen der Fachhochschule waren die ersten von inzwischen 52 Firmengründern, haben mit ihrer Agentur für visuelle Kommunikation auf einer Baustelle angefangen. «Die Fenster waren nicht dicht, also mussten wir mit Handschuhen auf der Tastatur tippen«, erinnert er sich.

Mederer ist ungewöhnliche Arbeitsplätze gewohnt. Bereits 2004 hatte er sich einer freiberuflichen Arbeitsgruppe angeschlossen, im Wohnzimmer wurden Layout-LAN-Partys veranstaltet. 2005 bezog er mit drei Kollegen das erste richtige Büro in der Nürnberger Altstadt.

Neue Nachrichten im Minutentakt

Den Sprung ins kalte Wasser bezeichnet Mederer heute als Wettbewerbsvorteil. «Damals haben wir naiv gearbeitet. Wir waren Designer, alle kreativ, hatten aber von Buchhaltung oder Gewerberecht kaum Ahnung.« Inzwischen haben er und sein Geschäftspartner Bremer dazugelernt. Nur Mederers Kinnbart und seine langen Haare erinnern heute noch an den Studenten von damals. Im Arbeitsalltag ist er heute zielstrebig. In wenigen klaren Worten erklärt er die anstehenden Projekte.

Das Telefon klingelt. Martin Franz ist am Apparat. Der Software-Entwickler, der sich das Büro und viele Projekte mit den Designern teilt, macht gerade Urlaub in Bangkok. Die Arbeit begleitet ihn. Den Hörer zwischen Ohr und Schulter eingeklemmt, schickt Mederer ihm eine E-Mail mit einer geänderten Präsentation. Drei Bildschirme scheinen ihm ins Gesicht, die Chat- und E-Mail-Programme blinken ständig. Neue Nachrichten im Minutentakt.

Die Konkurrenz schläft nicht

«Ich wusste gar nicht, dass Sie das auch machen.« Diesen Satz hört Mederer ständig. In seiner Agentur arbeitet er projektbezogen, gestaltet einfache Flyer für den Einzelhandel ebenso wie Software-Lösungen für den Hersteller von Navigationssystemen. Ein echter Spagat auf einem umkämpften Markt.

Zwei Drittel aller Grafikdesigner sind selbstständig. Mederer zeigt einen Stadtplan von Nürnberg, übersät mit kleinen Punkten: «Alles Konkurrenz.« Der Herausforderung würde er sich jedoch immer wieder stellen. Als interessant und facettenreich bezeichnet Mederer seinen Arbeitsalltag, der sich mit jeder neuen Aufgabe ändert.

Schier grenzenlose Eigenmotivation

Der Jungunternehmer ist getrieben von einer schier grenzenlosen Eigenmotivation, die ihn auch Tiefs überstehen lässt: Zeiten, in denen kein Kunde anruft oder an die Tür klopft. Um solche Phasen unbeschadet zu überstehen, setzt Manuel Mederer auf ein gutes Netzwerk.

Mittags trifft er sich in entspannter Atmosphäre mit einem neuen Partner zum Essen. Alexander Reindl ist selbstständiger Texter. Zwischen Schnitzel und Espresso ergründet Mederer schnell die Kompetenzen seines Gegenübers und verspricht, ihn zu empfehlen.

Rückhalt muss sein

Am Nachmittag kommt die Arbeit auf Touren, das Telefon klingelt, sobald die Leitung frei ist. An diesem Abend ist an private Unternehmungen nicht zu denken. In der vergangenen Woche saßen die beiden Designer täglich bis um drei Uhr nachts. «In solchen Momenten«, gibt Mederer offen zu, «denkt man darüber nach, warum man sich das eigentlich antut.«

Ohne Rückhalt von Familie, Partnern und Freunden, so der 27-Jährige, «überlebt man so was nicht«. Bei 50 bis 60 Arbeitsstunden die Woche fehle die Zeit nun mal irgendwo. Und Freizeit heißt dabei nicht Abschalten. «Es vergeht kein Abend und kein Wochenende«, gesteht Mederer, «an dem ich nicht ein Fachbuch oder Arbeitsskript lese.« Der Urlaub bedarf komplexer Planung, vom Ausfall bei Krankheit ganz zu schweigen.

«Selbstständigkeit fördert die persönliche Entwicklung ungemein«

Die Gedanken wandern zu den ehemaligen Kollegen. Zu viert hatten sie eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) gegründet, mittlerweile sind zwei aus der Gruppe in ein festes Angestelltenverhältnis gewechselt. «Sie haben sich für mehr Sicherheit entschieden.« Für Mederer und Bremer kein Thema. «Selbstständigkeit fördert die persönliche Entwicklung ungemein«, erklären die beiden Designer unisono. Die Freiheit, ihre Ziele zu verwirklichen, treibt sie an und erfüllt sie - ein kleines bisschen wie im amerikanischen Traum.

Timo Schickler
NN

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